Carola Moosbach

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Wenn Gott das nicht ertragen kann …
Begegnung mit der Gottespoetin Carola Moosbach, die als Kind vom Vater missbraucht wurde. Heftige Rache-Psalmen

Sehr, sehr lange erschien es für Carola Moosbach völlig abwegig zu beten. Mit Achtzehn war sie aus der katholischen Kirche ausgetreten. Einer Institution, die sie als hierarchisch und frauenfeindlich erlebte, wollte sie nicht länger angehören. Und mit einem Gott, zu dem sie als kleines Mädchen in einem Keller vergeblich um Hilfe geschrieen hatte, wollte sie nichts zu tun haben.
Heute ist Carola Moosbach 44 Jahre alt und nennt sich "Inzest-Überlebende". In ihrer Kindheit gab es keinen Zeitpunkt, zu dem sie jemals sich selbst gehört hätte, keinen Abend, an dem das kleine Mädchen nicht aus Angst vor neuer Vergewaltigung gegen das Einschlafen gekämpft hätte: bloß nicht schlafen Augen offen wer weiß was passiert.

Den vom Vater begangenen Mord an ihrer Kinderseele hat sie überlebt. Den Namen ihres Vaters hat sie abgelegt und sich eine neue Identität beurkunden lassen: Moosbach heißt sie heute. Das klingt nach unberührter Natur, sauberer Frische. Die Folgen des Missbrauchs dagegen, den sie lange Jahre tief in ihrer eigenen Seele verbarg, kann sie nicht so einfach ablegen: In ihrem Beruf als Juristin konnte sie nur kurze Zeit arbeiten, da sie dauerhaften Belastungen nicht gewachsen ist. In ihrer Wahlheimat Köln lebt sie heute von einer kleinen Opferrente.

Als junge Frau ist Carola Moosbach fasziniert von fernöstlicher Meditation. Sie wird Bhagwan-Anhängerin. Aber als die Erinnerungen an den Missbrauch mit Gewalt nach oben drängen, erlebt sie "die Brutalität der fernöstlichen Religion". Sie müsse in einem früheren Leben schlimme Verfehlungen begangen haben, wenn sie so einen Vater bekommen habe und so eine Kindheit erleben musste, heißt es. Eine Deutung, die sie damals ebenso strikt ablehnt, wie sie sich heute gegen die vermeintlich christliche Ansicht verwahrt, die in allem Leid einen Sinn finden will.

Mit Hilfe einer Psychotherapie befreit sie sich aus der Sekte - aber die Frage nach dem Gott des Christentums lässt sie nicht los. In langen Gesprächen mit einer Pastorin, die sie als glaubwürdig erlebt, nähert sie sich dem christlichen Glauben zögernd wieder an. Das Erste, was sie in der Bibel berührt, ist die Passionsgeschichte. "Ich hab sie gelesen als Folterungsgeschichte. Dieser Schrei, > Warum hast du mich verlassen <, war das Erste, womit ich mich intensiver beschäftigt habe. Und dann probiert sie es, das in Richtung Gott zu schreien - ohne wirklich zu glauben, dass da ein Gegenüber sein könnte. Gleichzeitig fürchtet sie, Gott könne sich als Illusion erweisen oder ihr zu nahe kommen.

Ich habe Angst Du kommst mir zu nahe
mit dem Vertrauen bin ich noch nicht vertraut
und wenn Du dich plötzlich in Luft auflöst
dann stehe ich da und brauche Dich doch

Mit der Zeit wird sie mutiger und beginnt, Fragen und Anklagen in Richtung Gott zu schleudern. "Wenn Gott das nicht ertragen kann, hat es ohnehin keinen Sinn". In den Rache-Psalmen der Hebräischen Bibel findet Carola Moosbach Anknüpfungspunkte an ihre eigenen Geschichte und schreibt unter Wut und Tränen ihren eigenen Rache-Psalm:

Ich fordere deine Gerechtigkeit Gott
hilf mir tritt du für mich ein
lass ihn zittern vor Angst diesen Kinderseelenmörder
zu einem Nichts schrumpfen soll seine Seele

Du sollst mein Racheengel sein Gott
hilf mir tritt du für mich ein
lass ihn nicht davonkommen diesen ehrbaren Schrebergärtner
erfinde die Hölle neu für ihn

In mir tut alles so weh Schwester Gott
hilf mir tritt du für mich ein
lass es nicht diesen Dreckskerl sein der als letzter lacht Gott
und erlöse mich von meinem Vater für immer

Das letzte Wort über meinen Vater spreche nicht ich, das spricht Gott", erklärt Carola Moosbach mit leiser Stimme, die so viel verhaltener ist als ihre Gebetslyrik und setzt entschlossen hinzu: "Die beste Rache ist glücklich zu werden".

Auch wenn sie Ostern vor sechs Jahren in die evangelische Kirche eingetreten ist - die Wunden bleiben:
Da schwelt eine Wunde mir auf der Stirn
die kannst auch Du Gott nicht heilen
taube Stelle und Ekel im Munde
noch nicht einmal Sehnsucht Liebeswunschleere
getötet die Unschuld verbrannt das Kind

Carola Moosbach ringt um eine angemessene Gottesanrede, versucht, ein passendes Kleid für Gott zu machen, wohl wissend, dass nichts wirklich passt: "Der den ich meine ist gar kein der und auch nicht eine die - wohnt gar nicht innen und oben erst recht nicht".
Fest steht nur: "Mit allmächtigem Vater hab ich nichts tun, das kann ich nicht ertragen", sagt sie kategorisch

"Vater" ist der der mir die Seele gemordet hat
der mir beibrachte ein stinkender Lappen zu sein
dazu da seinen Samen zu schlucken
soll ich Dich wirklich "Vater" nennen Gott?

Mutter ist die die mir ein Loch in die Seele brannte
die mich lehrte ein Mülleimer ihrer Sorgen zu sein
soll ich dich wirklich "Mutter" nennen Gott?

Und so findet sie neue Worte, neue Anreden für Gott, die sie konsequent in der weiblichen Form anspricht: " Treue Freundin" und "Gottesperle", "starke Löwin" "tiefes Wasser", "Schwester Gott", "Gottflamme Du Schöne", heißt es in ihren Lob und Klagegebeten, für die sie vor zwei Jahren mit dem Preis des Frauenkirchenkalenders für Gottespoetinnen ausgezeichnet wurde.

Carola Moosbach, die in der Begegnung mit Menschen selten Blickkontakt sucht und stets auf Sicherheitsabstand bedacht ist, kann auch manchmal ihre fast intime Gottesbeziehung plötzlich in Frage stellen. Bis heute kennt sie Zeiten, in denen sie sagt: "Vielleicht täusche ich mich auch. Ich bin keine völlig Überzeugte, Gewisse, Unbeirrbare".

Manchmal
glaube ich Dir Deine Liebe
und dass Du mich trägst sogar brauchst
womöglich
manchmal ist alles dunkel
die zögernde Seele verharrt
im großen Vielleicht
auch nicht
Du kannst nichts beweisen
ich kann nichts beweisen
nur weitergehen
gottwärts
wo ich's vermute
wag ich den Sprung
Du kommst mir entgegen Gott
manchmal
satt werde ich nie
wer weiß

Karin Vorländer
Publik-Forum. Zeitung kritischer Christen
12.4.2002


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