Carola Moosbach

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Buchtipps

Hier stelle ich einige Bücher vor, die mir selbst wichtig sind, unabhängig davon, ob diese Bücher etwas mit (feministischer) Theologie zu tun haben. Kreuz und quer eben.

Ulrike Bail   Gegen das Schweigen klagen
Ellen Bass / Laura Davis   Trotz allem
Dorothee Sölle   Mystik und Widerstand
Etty Hillesum   Das denkende Herz
Rüdiger Sachau   Weiterleben nach dem Tod?

 

 

Ulrike Bail: Gegen das Schweigen klagen
Eine intertextuelle Studie zu den Klagepsalmen Ps 6 und
Ps 55 und der Erzählung von der Vergewaltigung Tamars
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1998

Als "Protest im Namen des Glaubens", als Anrufung Gottes, mit der die "an den Rand geschwiegenen" Opfer von Gewalttaten die Sprach- und Gewaltmacht der Täter aufbrechen und Gottes Gerechtigkeit einfordern, charakterisiert Ulrike Bail die biblischen Klagepsalmen.

Sie geht in ihrer Studie der Frage nach, ob und in welcher Weise diese Psalmen geeignet sind, den spezifischen Gewalterfahrungen von Frauen Raum und Stimme zu geben. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht dabei nicht die historische Rekonstruktion von Entstehungsgeschichte und Urheberschaft der Psalmen; diese werden vielmehr als poetische und damit offene Texte verstanden, in die auch nachfolgende Generationen ihre Erfahrungen einschreiben und auf diese Weise vor Gott bringen können.

Ausgehend von dem literaturwissenschaftlichen Konzept der Intertextualtität als der Theorie von der Verknüpfung und Verknüpfbarkeit aller Texte entwickelt die Autorin eigene Kriterien und Ansätze, die eine Fruchtbarmachung dieser Theorie für feministische Fragestellungen ermöglichen. Ihr Anliegen ist es dabei, die biblische Erzählungen von sexueller Gewalt gegen Frauen, insbesondere die Geschichte von der Vergewaltigung Tamars, mit den Klagepsalmen "ins Gespräch" zu bringen. "Wo die einen Texte schweigen, sprechen die anderen."

Eine innerbiblische Parallele zu diesem Konzept findet die Autorin in der nachträglichen Verknüpfung vieler Psalmen mit der Lebensgeschichte Davids durch Einfügung entsprechender Überschriften. Am Beispiel der Psalmen 6 und 55 weist sie im Anschluß daran überzeugend nach, daß die dort geschilderten Gewalterfahrungen geeignet sind, dem Schrecken, dem Schmerz und der Wut vergewaltigter und erniedrigter Frauen Ausdruck zu verleihen und als ihr "Protest im Namen des Glaubens" verstanden werden können. Folgerichtig ist es denn auch, wenn die Autorin dem 6. Psalm nachträglich folgende Überschrift voranstellt:

Ein Klagelied Tamars,
der die Gewalt Körper und Sprache zerstört hat.
Zu sprechen gegen das Schweigen.

Ein sprachlich und inhaltlich brillantes, über weite Strecken geradezu spannendes Buch, das trotz seines wissenschaftlichen Charakters auch für Nichttheologinnen verständlich bleibt und besonders Frauen einen ganz neuen Zugang zu den biblischen Psalmen eröffnen dürfte.

 

Ellen Bass / Laura Davis: Trotz allem
Wege zur Selbstheilung für sexuell mißbrauchte Frauen
Orlanda Frauenverlag, Berlin 1990

"Es gibt mehr als Wut, mehr als Trauer, mehr als Angst und Schrecken. Es gibt Hoffnung. (...) Gib dich nicht auf."

Dieses aus den Erfahrungen zahlloser betroffener Frauen gespeiste Buch ist mir in den ersten, chaotischen Jahren meiner aufbrechenden Erinnerungen zum echten Überlebensmittel geworden. Es hat mir zum Weinen verholfen und zur Wut, es hat mich getröstet und immer wieder ermutigt, den schmerzhaften Heilungsweg weiterzugehen - trotz allem.

 

Dorothee Sölle: Mystik und Widerstand
"Du stilles Geschrei"
Hamburg 1997

Von "Himmelsleitern und Erdstationen" schreibt Dorothee Sölle in ihrem neuen Buch, das sie selbst als ihr Lebenswerk bezeichnet. Weit ausholend zeichnet sie dabei die verschlungenen Wege der Gottsuche nach, die Mystikerinnen und Mystiker durch die Jahrhunderte hindurch gegangen sind. Daß die Mystik keine Geheimlehre für wenige Privilegierte bleibt, sondern alle Menschen Gott schmecken können, dieses Anliegen wird in dem Buch immer wieder deutlich. Wohl auch deshalb verbindet die Autorin schon im Titel die individuelle Gotteserfahrung unauflöslich mit dem Engagement für Frieden und Gerechtigkeit. Denn Gott will für alle die Fülle des Lebens.

 

Etty Hillesum: Das denkende Herz
Tagebücher von 1941 bis 1943
Hamburg 1985

Eine junge holländische Jüdin beschreibt und reflektiert die immer weiter sich zuspitzende Ausgrenzung und Verfolgung durch die deutsche Besatzungsmacht. Wie ihr in dieser lebensbedrohlichen Situation trotz aller Demütigungen und Schikanen ein Leben in Würde gelingt; wie sie durch Angst und Verzweiflung hindurch immer tiefer in eine tragende und nährende Gottesbeziehung hineinwächst, davon erzählt dieses Buch. Es hat mich tief bewegt und verstört, zum Widerspruch herausgefordert und begeistert.

 

Rüdiger Sachau: Weiterleben nach dem Tod?
Warum immer mehr Menschen an Reinkarnation glauben.
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1998

Die traditionellen Jenseitsvorstellungen des Christentums sind heute bei vielen Menschen vom Glauben an die Wiedergeburt abgelöst worden. In einer klugen und sachlichen Analyse der gegenwärtigen Situation verdeutlicht der Autor, warum das so ist. Hinter schwammigen, nichtssagenden Formulierungen auf der einen Seite und fundamentalistischen Wiederholungen altbekannter Zerrbilder auf der anderen Seite macht Sachau ein unausgesprochenes, aber höchst wirksames Phantasieverbot innerhalb der christlichen Kirchen aus.

Dem gegenüber steht ein von seinen östlichen Wurzeln losgelöster und an die Bedürfnisse der westlichen Moderne angepaßter Reinkarnationsglaube, in der menschliches Leben als eine Aneinanderreihung von Lernchancen verstanden wird, die durch zahllose Inkarnationen hindurch zur eigenen Vollendung führen. Vor allem die damit verbundene Karmalehre muß dabei aus christlicher Sicht zu kritischen Anfragen führen. Das Christentum selbst aber braucht neue, kraftvolle Hoffnungsbilder der Auferstehung, die unsere Sehnsucht wach halten und doch die Grenzen unseres Wissens zu akzeptieren vermögen.

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