Carola Moosbach

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Advent, Advent ...

Mit der Adventszeit erging es mir lange wie mit dem Kölner Karneval. Die ersten Anzeichen lassen sich noch recht gut ignorieren, spätestens ab Weiberfastnacht aber wird mir klar, daß es Zeit für einen Ortswechsel wird. Mit dem Advent ist das schon schwieriger – vor seinen alljährlichen Erscheinungsformen, Auswüchsen und Perversionen gibt es kein Entrinnen. Engelshaar, Weihnachtsmänner und süßlicher Musikbrei an jeder Straßenecke lassen sich so wenig ignorieren wie überfüllte "Konsumtempel" und Massen von Werbeprospekten. Für viele Menschen ist der Dezember die Zeit der Familie (habe ich keine), der verklärten Kindheitserinnerungen (habe ich ebenfalls keine) und der Sehnsucht nach einer kitschig-sentimentalen "Gemütlichkeit", die mir weitgehend fremd ist. Und dann natürlich die Frage: Was mache ich Weihnachten? Spätestens ab Heiligabend ist die familiäre Abschottung perfekt, Fremde müssen draußen bleiben. Die Kirche – froh, daß überhaupt mal jemand kommt – sorgt vor der Bescherung noch für die richtige Weihnachtsstimmung und beschränkt sich weitgehend darauf, die ansonsten eher kirchenfernen Besucher/Innen mit Althergebrachtem abzufüttern.

Für mich war die Advents- und Weihnachtszeit über viele Jahre hinweg eine Zeit der Trauer und der Einsamkeit. In der regressiv-emotionalen Atmosphäre dieser Tage lassen sich die eigenen Erinnerungen an eine zerstörte Kindheit und zerbrochene Familie schwerer verdrängen als zu anderen Zeiten. Seitdem ich Christin bin, stört mich der sinnentleerte Weihnachtsklimbim und die unreflektierte Familienverherrlichung eher noch stärker als früher. Ich frage mich, was das alles mit Gott, mit Jesus, mit Christentum zu tun hat – und ob überhaupt. Das Neue Testament scheint mir im Gegensatz zur heutigen Kirche erfrischend familienkritisch, wenn nicht gar familienfeindlich zu sein (siehe z.B. Markus 3, 31-35). Was aber bliebe von Advent, von Weihnachten noch übrig, ginge es einmal nicht um Gemütlichkeit, Geschenke und "Heile-Welt"-Inszenierungen? Die Antwort ist klar: Das Eigentliche bliebe übrig. Was aber ist das Eigentliche? Eine schwierige Frage, sicherlich nicht nur für mich. Um sie nicht beantworten zu müssen, treten die meisten Menschen lieber die Flucht in naiv-kindliche Rituale und Inszenierungen an. Was aber wäre ein Advent für Erwachsene? Worauf warten wir, worauf hoffen wir wirklich? Tun wir das überhaupt noch? Über diese Fragen ehrlich nachzudenken und miteinander zu sprechen, Ausdrucksmöglichkeiten suchen für unsere Sehnsucht nach dem "Anderen", nach Licht und Freude, nach Heilung und Gerechtigkeit, das wäre eine Adventszeit, wie ich sie mir wünsche. Und das Schöne ist: Geld kostet es auch nicht.

© C. Moosbach Dezember 1999


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