Carola Moosbach

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Computer und andere Seltsamkeiten

Als ich letztes Jahr meinen ersten Computer – ein kleines, nach EDV-Maßstäben schon reichlich veraltetes Modell – geschenkt bekam, war ich nach einer Woche soweit, daß ich das Ding am liebsten aus dem Fenster geschmissen hätte. Glücklicherweise hat sich eine hilfsbereite Nachbarin gerade noch rechtzeitig meiner angenommen und mich in die Anfangsgründe von Datei, Ordner und Doppelklick eingeweiht. Heute schreibe ich außer meinen Einkaufszetteln fast nichts mehr mit der Hand, schicke E-Mails kreuz und quer durch die Welt und suche mir die günstigste Bahnverbindung selber aus dem Internet heraus. Klingt doch gut, oder? Eine echte Erfolgsgeschichte wie aus der Werbebroschüre. Und ich gebe zu: Ich bin begeistert. Die neue Technik vereinfacht nicht zuletzt das Schreiben ungemein und wenn ich heute ein Gedicht schreibe, kann ich es schon morgen auf meiner Internetseite veröffentlichen oder aber per E-Mail an die taz schicken und einen Tag später dort lesen – so geschehen mit meiner "Zeitansage" zum Kosovo-Krieg. Gerade auch für die in Deutschland doch eher vereinzelt auftretende "Frauenkirche" (so heißt die erste deutschsprachige Mailingliste zu diesem Thema) bietet das neue Medium sehr gute Vernetzungs- und Austauschmöglichkeiten. Wir Frauen sollten das Internet weder den Werbefuzzies noch den Kinderschändern überlassen – und auch nicht den Männern. Gerade in kirchlichen Kreisen erlebe ich oft, daß Frauen diese "Computersache" allzu gerne an ihre Männern delegieren, weil`s ja was Technisches ist.

Im Hinblick auf die digitale Revolution, deren Anfänge wir gerade erleben, scheint es mir trotz aller Begeisterung wichtig, einen Schritt zurückzutreten und mit gebührendem Abstand auch die Schattenseiten dieser Entwicklung anzusehen. Es würde allerdings den Rahmen dieser Kolumne und nicht zuletzt auch meine eigenen Fähigkeiten bei weitem überschreiten, wollte ich das im umfassenden Sinne tun oder auch nur andeuten. Statt dessen hier einige exemplarische Beobachtungen aus meinem eigenen Alltag und persönlichem Umfeld: Eine Bekannte hat mir erzählt, daß sie jeden morgen schon vor dem Frühstück ihre E-Mails abruft und sich manchmal regelrecht von den Möglichkeiten und der Dynamik dieser Technik besetzt fühle. Ich selbst empfinde die Flüchtigkeit und seltsame Unwirklichkeit von E-Mail-Kontakten oft als irritierend. Ich korrespondiere mit Frauen, die ich "eigentlich" gar nicht kenne, in einer Häufigkeit und in einem Ausmaß, wie ich es per Brief oder Telefon niemals tun würde. Da erzählt mir eine Inzestüberlebende, die mehr oder weniger zufällig auf meine Internetseite geraten ist, ihre Lebensgeschichte, wir schreiben ein paar Mal hin und her, dann bricht der Kontakt plötzlich ab. Ich kenne weder den (richtigen) Namen dieser Frau, noch ihre Adresse. Auf diese Weise entstehen im Internet viele Kontakte - aber entstehen auch wirkliche Begegnungen? Oder nur die Illusion davon?
Ein weiterer Punkt ist die enorme Beschleunigung der Kommunikation durch das Internet. Gemessen an der Geschwindigkeit, mit der E-Mails verschickt werden, kann der althergebrachte Briefverkehr wohl zu Recht als "Schneckenpost" bezeichnet werden. Die Frage ist: Hat dieses hohe Tempo ausschließlich Vorteile? Was wird das langfristig für unseren Alltag, für unsere Beziehungen und für unsere Arbeit bedeuten? Viele offene Fragen, die wir im Blick und im Sinn behalten sollten. Ich meine, es besteht weder Anlass für blinde Euphorie, noch für die abwehrend ängstliche Technikfeindlichkeit vieler (Kirchen)Frauen.

© C. Moosbach November 1999


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