Carola Moosbach

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Das Göttliche als Event
Über die Esoterik (Teil 1)

Ist es Ihnen/Euch auch schon aufgefallen? Aus einer ehemaligen “Geheimlehre” (so die ursprüngliche Bedeutung des Wortes “Esoterik”) ist längst ein Massenphänomen geworden. Ob Talk-Show, Massagepraxis oder Büro - Grundbegriffe der Astrologie, der Reinkarnationslehre oder des Tarots sind in aller Munde. Nur die Kirche hat mal wieder nichts mitbekommen. Während sie noch mit Problemen der Abendmahlsgemeinschaft oder Rechtfertigungslehre beschäftigt ist, weht der Zeitgeist längst in anderen Gefilden. Ob im Seminar für Führungskräfte oder der Psychogruppe am Wochenende: Unreflektiert und mit möglichst wenig Wissen über gesellschaftliche oder historische Zusammenhänge belastet werden Versatzstücke des Buddhismus oder Hinduismus zu einem für westliche Geschmäcker gut konsumierbaren spirituellen Brei zusammengerührt.
Ein Beispiel: Die östlichen Religionen gehen mit ihrer Reinkarnationslehre davon aus, daß sich die Seele eines Menschen über unabsehbare Zeiträume hinweg immer wieder neu in einem Körper inkarniert. Sinn der Sache ist es, durch zahllose - meist schmerzliche - Erfahrungen und ausdauernde Meditationspraxis irgendwann einmal vom “Rad der Wiedergeburt” frei zu werden. Wer zur Erleuchtung, das heißt zur Erkenntnis des Göttlichen gelangt, wird nicht wiedergeboren. Das muß in einer von Hunger und Entbehrung geprägten Kultur eine äußerst verlockende Vorstellung sein. In den reichen Ländern des Westens wird diese Reinkarnationslehre allerdings zunehmend völlig anders aufgefaßt. Was als Ausweg aus menschlichem Leiden gedacht war, wird nun ganz im Gegenteil zum Ausdruck übersteigerter Lebens - und Erlebnisgier. Wo ein Leben nicht ausreicht, um all die schönen Wachstums- und Warenangebote zu konsumieren, gibt es jetzt mehrere, viele, unendlich viele Leben. Es ist daher nur konsequent, wenn Meditation nicht mehr als Weg zur Überschreitung des Ich angesehen, sondern schlicht zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit oder zur Befriedigung des spirituellen Erlebnishungers benutzt wird.

Nach meiner Überzeugung befinden wir uns zur Zeit in einem Prozeß, in dem das Gedankengut der Esoterik zum tragenden Instrument der Herrschaftssicherung wird und in dieser Funktion das Christentum ablöst. Es wird also höchste Zeit, sich mit dieser Ideologie, die keine sein will, auseinander zusetzen. Ich werde mich daher auch noch in den nächsten Kolumnen mit diesem Thema beschäftigen. Dabei möchte ich meinen persönlichen Bezug zur Sache nicht verhehlen: In den 80er Jahren war ich eine überzeugte und den “Meister” glühend verehrende Bhagwan-Anhängerin. Aber davon später mehr.

© C. Moosbach Juni 2000


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