Carola Moosbach

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Das Göttliche als Event
Über die Esoterik (Teil 2)

In den 80er Jahren zeigten sich bei uns Frauen- Friedens - und sonst wie bewegten erste Ermüdungserscheinungen. Unser jugendlicher Schwung, mit dem wir mal kurz die Welt aus den Angeln heben und vom Kopf auf die Füße stellen wollten, erlahmte zusehends. So langwierig, so mühsam, so ganz und gar unspektakulär hatten wir uns die Sache nicht vorgestellt. Lange verdrängte persönliche Defizite und Sehnsüchte wurden spürbar und forderten ihr Recht. Erste Psycho- und Meditationsgruppen sprossen ins karge Land der Flugblätter und Demonstrationszüge. Da wir selbst weder ausgebeutet noch bombardiert noch geschlagen wurden, da wir weder hungern noch frieren mußten, war der Einsatz für mehr Gerechtigkeit und Frieden für die meisten von uns vergleichsweise Privilegierten nicht wirklich existentiell. Im Gegensatz zu den wirklichen Opfern der "neuen Weltordnung" hatten wir die Wahl und wir trafen sie. Als unser Hobby uns langweilig wurde, suchten wir uns ein anderes. Der Rückzug ins Private wurde untermauert und legitimiert durch die These, daß wir uns erstmal selbst verändern, um uns selbst kümmern müßten, um dann an einer politischen Erneuerung zu arbeiten. Inzwischen sind solche Rationalisierungs- und Rechtfertigungsversuche längst nicht mehr nötig, aus dem erstmal ist ein ausschließlich geworden. Jede und jeder ist weitgehend beschwerdefrei und ganz und gar sich selbst die Nächste und hat dabei richtig Spaß. Während des Golfkrieges vor 10 Jahren wurde hier in Köln noch der Karnevalszug abgesagt, den Leuten war die Lust darauf angesichts brennender Ölquellen und Menschen wohl vergangen. Als die deutsche Bundeswehr als Teil der NATO im letzten Jahr Serbien und das Kosovo bombardiert hat, kümmerte das kaum noch jemanden. Demonstrationen und andere Protestformen sind schließlich langweilig, bringen nichts und Spaß machen sie auch nicht.

Im Rückblick finde ich es verblüffend, wie perfekt das inzwischen zum Allgemeingut gewordene Gedankengut der Esoterik in die gewendete politische Landschaft paßte und paßt.

Wir, die wir doch eigentlich rebellisch, friedliebend und "ganz anders" sein wollten, als die Gesellschaft um uns herum, bereiteten die politische "Wende" der 90er Jahre vor und machten sie erst möglich. Wir waren frauenfeindlich, aber mit neuer, esoterischer Begründung, wir waren denkfaul, aber nie um Worte verlegen, wir waren angeblich rebellisch, aber im Grunde politisch dumm, wir waren zutiefst gleichgültig gegenüber dem Schicksal anderer, aber dabei richtig authentisch. Und nicht zu vergessen, wir hatten reichlich Spaß.

Aber ob wir auch glücklich waren?

© C. Moosbach Juli 2000


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