Carola Moosbach

Archiv

Kolumnen

Das Göttliche als Event
Über die Esoterik (Teil 3)

Kürzlich las ich im Kölner Stadtanzeiger von einem gerade erschienenen Buch mit dem Titel: "Gesundheit für Körper und Seele". Autorin ist Louise L. Lay, die sich "als eine der bedeutendsten spirituellen Lehrerinnen unserer Zeit feiern läßt" so der Kölner Stadtanzeiger. Kernthese dieses Buches ist folgender Satz: "Jeder von uns ist zu hundert Prozent selbst verantwortlich für jede seiner Erfahrungen" (ich nehme an, Frauen sind mitgemeint). Was für eine ungeheuerliche, was für eine dumme und in ihren Konsequenzen geradezu zynische Behauptung. Es handelt sich um ein grundlegendes, nie hinterfragtes Axiom der Esoterik, ein echter Glaubenssatz, der inzwischen weit über die Grenzen der esoterischen Zirkel hinaus akzeptiert wird. Dieser Satz ist eine entscheidende ideologische Grundlage für die Entsolidarisierung und Entpolitisierung unserer Zeit. Die Arbeitskollegin hat Krebs? Da wird sie irgend etwas falsch gemacht haben. Eine Freundin ist vergewaltigt worden? Das hat sicher auch etwas mit ihr zu tun. Konsequent zu Ende gedacht wären dann auch die Opfer von Auschwitz selbst für ihr Schicksal verantwortlich – wahrscheinlich hatten sie einfach ein schlechtes Karma. Wenn alle Menschen für alles, was ihnen zustößt, letztlich selbst verantwortlich sind: Worüber sollte ich mich dann noch aufregen? Warum die teueren TransFair-Produkte kaufen? Warum den Notruf für vergewaltigte Frauen unterstützen? Wenn alles was passiert schon "irgendwie" seinen Sinn hat, was kümmert mich dann, daß jeden Tag auf der Welt 40000 Menschen verhungern? Lieber noch einen schönen Rosenquarz kaufen und an den nächsten Urlaub auf Gomera denken, das eigene "Wachstum" immer fest im Blick.

Eines der Probleme besteht daran, daß in der esoterischen Szene selten etwas konsequent zu Ende gedacht wird. Dort wird nicht gedacht, sondern gependelt, gefühlt und intuitiv erahnt, wobei die Esoterikerinnen all dies natürlich für eine besonders weibliche Fähigkeit halten. Der Irrationalismus dieser Kreise treibt oft geradezu groteske Blüten (beispielsweise in den sogenannten Power-Armbändern, die zur Zeit in Mode sind); aber vielleicht ist es kein Zufall, daß die beängstigenden Triumphe der Gentechnik einhergehen mit einem immer weiter um sich greifenden Rückfall ins magische Denken der Voraufklärung. In ihrer Intellektuellenfeindlichkeit erinnert die Esoterik in fataler Weise an die Naziideologie, auch dort wurde lieber gefühlt als gedacht, das "gesunde Volksempfinden" gegen die "jüdische" Intellektualität, "Blut und Boden" – Romantik gegen die Eiseskälte der Moderne. Solche politischen und historischen Zusammenhänge interessieren die Damen und Herren Esoterikerinnen natürlich nicht. Dieses mangelnde Reflektionsvermögen macht die Sache allerdings nicht besser – eher im Gegenteil.

© C. Moosbach August 2000


[Vorherige]   [Übersicht]   [Nächste]

Bereitet die Wege

Weitere Bücher

Kontakt