Carola Moosbach

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Kolumnen

Das Göttliche als Event
Über die Esoterik (Teil 4)

Große Teile des esoterischen Gedankenguts gehören inzwischen – weitgehend unreflektiert – zum Zeitgeist, übrigens bis in kirchliche Kreise hinein. Warum ist das so? Wie kommt es beispielsweise, daß dieselben Frauen, die sich zu Recht an der Frauenfeindlichkeit der katholischen Kirche stören, die Frauenfeindlichkeit des Buddhismus klaglos hinnehmen, sie oft nicht einmal bemerken? Nicht nur der Papst, auch der tibetische Dalai Lama ist immer ein Mann, und nur diese können nach traditionell-buddhistischer Lehre in den Zustand der Erleuchtung gelangen. Die Inkarnation als Frau gilt in vielen asiatischen Ländern dagegen als Ausdruck eines schlechten Karmas, den Frauen bleibt dann nichts anderes übrig, als durch williges Akzeptieren ihres Schicksals auf eine Wiedergeburt als Mann zu hoffen. Ich weiß, es ist bitter, aber nicht nur die christliche Religion war und ist patriarchal und frauenfeindlich, auch der Buddhismus ist es, vom Hinduismus ganz zu schweigen. Allerdings gibt es da einen wichtigen Unterschied: Die blutbefleckte Schuldgeschichte des Christentums kennen wir, die der asiatischen Religionen dagegen nicht. Auch das macht die Esoterik mit ihrem bunten Potpourri fernöstlicher Versatzstücke so anziehend. Demgegenüber kommt das Christentum nach wie vor kalt, wortlastig und formelhaft daher. Nun rächt es sich, daß der eigenen mystischen Tradition lange Zeit so wenig Wertschätzung entgegengebracht wurde. Gott ist eben nicht nur im Wort, sondern auch in der Stille hörbar, Gottes Dasein muß eben nicht blind geglaubt, sondern kann geschmeckt, erahnt und erlebt werden.
ABER: Diese Nähe Gottes ist weder käuflich noch erzwingbar, durch welche Übung auch immer. Schon gar nicht ist sie der ultimative Wochenend-Kick für gelangweilte Wohlstandskinder. Gott ist kein schnell konsumierbares "Event", sondern eine lebenslängliche Erschütterung, eine immer währende Herausforderung, ein "stilles Geschrei" (D. Sölle) und eine unfaßbare Gnade. Diese Gnade ist allerdings weder kostenlos noch unverbindlich. Sie erwächst aus der Verbundenheit mit denen, die ganz unten sind, mit denen, die nichts vorzuweisen haben außer einer unstillbaren Sehnsucht nach Sinn und einem großen Hunger nach Gerechtigkeit. Eine Spiritualität, die nur um sich selber kreist, die nur am eigenen Wachstum, am eigenen Glück, am eigenen religiösen Erlebnis interessiert ist, mag noch so bunt, mag noch so erfolgreich sein – gotterfüllt ist sie nicht. Die postmoderne Esoterik wirkt auch deshalb so schal und substanzlos, weil sie ohne soziale Bezüge, ohne ethische Maßstäbe, ohne echte Verbundenheit mit dem Ganzen bleibt. Gott aber will für alle die Fülle des Lebens – Gott sei Dank!

© C. Moosbach September 2000


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