Carola Moosbach

Archiv

Kolumnen

Vom allmächtigen Vater zur fernnahen Freundin
Auf der Suche nach einer neuen Gottessprache

Daß wir die versteinerten Sprache der christlichen Tradition aufbrechen müssen, daß diese Sprache weder Gott noch uns Menschen gerecht wird, kann nicht oft genug gesagt werden. Ebenso wichtig scheint es mir jedoch, über die Kriterien für eine neue und immer wieder neu zu suchende Gottessprache nachzudenken. Was macht diese neue, andere Sprache eigentlich aus und was macht sie zu einer christlichen Gottessprache?

In meinem eigenen Schreiben wird mir immer wieder bewußt, wie wenig Gott sprachlich in "den Griff" zu bekommen ist, wie sehr ich dabei an die Grenzen des Sagbaren und auch Denkbaren stoße. Trotzdem gibt es nun mal diese verrückte, anmaßende und doch zutiefst menschliche Sehnsucht, Gott anzusprechen und zu erzählen, unsere Eindrücke, Bilder und Erfahrungen mit Gott in Worte zu fassen. Und sehnt sich nicht auch Gott selbst danach, von uns geliebt, besungen und erzählt zu werden? Indem ich Gott als Gegenüber anspreche, indem ich sie weder als Teil von mir selbst, noch als diffuse und unpersönliche Energie verstehe, stelle ich mich bewußt in die jüdisch-christliche Tradition. In diesen Zusammenhang gehört für mich auch, daß ich zu und über Gott weder als furchterregendes Monster, noch als praktisches und jederzeit verfügbares "Kuscheltier" spreche. In meiner Beziehung zu Gott  bewege ich mich immer wieder in dieser Spannung zwischen vertrauter Nähe und großer Ehrfurcht; einer Spannung die es auch sprachlich aus- und aufrechtzuerhalten gilt.

Neue - christliche - Gottessprache muß heilend sein und befreiend. Sie sollte Gottes Parteilichkeit für die - biblisch gesprochen - "Letzten" deutlich machen, die nach Gottes Willen zu "Ersten" werden sollen. Sie sollte Menschen frei machen von Angst, von der Angst, Nein zu sagen, von der Angst, ein eigener Mensch zu werden, von der Angst vor Gott. Neue Gottessprache sollte immer wieder deutlich machen, daß alle Bilder und Symbole nur Annäherungen sein können - eben deshalb darf sie sich niemals auf ein Bild festlegen. Genau dies scheint mir der eigentliche Sinn des biblischen Bilderverbots zu sein. Angesichts der vorherrschenden und oft geradezu erdrückenden männlichen Symbolik ist daher ein "kräftiger Schuß" weiblicher Gottesbilder dringend notwendig. Nicht etwa, weil ich Gott für eine Frau halte. Allerdings halte ich Gott ebenso wenig für einen Mann. Genau dies wird aber durch die traditionelle Sprache, durch das selbstverständliche "er" der klassischen Liturgie immer wieder vermittelt. Die teilweise geradezu hysterische Reaktion auf neue, weibliche Gottesbilder und Gottessprache zeigt mir, wie wichtig dieser Punkt ist. Wichtig für unsere Würde als Frauen, die nach biblischem Verständnis Gottes Ebenbilder sind, wichtig aber auch zur Ehre Gottes, die eine vielfältige, allumfassende, verzaubernde und erhellende Sprache erforderlich macht. Eine Sprache, die weder beängstigend ist noch trivial, eine Sprache, die etwas spürbar werden läßt von Gottes heilender und befreiender Kraft.

© C. Moosbach August 1999


[Vorherige]   [Übersicht]   [Nächste]

Bereitet die Wege

Weitere Bücher

Kontakt