Carola Moosbach

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Warum eigentlich Kirche?

Nur wenige Tage nach meinem 18. Geburtstag bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten. Innerlich war dieser Austritt längst vollzogen, mit Erreichen der Volljährigkeit konnte ich nun endlich auch nach außen mein Nein zur Kirche dokumentieren. Meine Abwendung vom Christentum war zu dieser Zeit vollständig und hatte gute Gründe. Es sollte mehr als 20 Jahre dauern, bis ich dieser Religion noch einmal eine Chance gab.

Auch heute geht mir das allseits beliebte kirchliche Gejammer über leere Gottesdienste und scharenweise davonlaufende Kirchenschafe ordentlich auf die Nerven. Aus meiner Sicht sind die vielen Kirchenaustritte die wohlverdiente Quittung für Frauenfeindlichkeit, korrupte Machtgier und inhaltsleere Phrasendrescherei. Trotzdem bin ich vor nunmehr 5 Jahren während eines Ostergottesdienstes in die Evangelische Kirche eingetreten. Warum? Wesentliche Teile der christlichen Tradition sind mir nach wie vor fremd bis zuwider, beim Apostolischen Glaubensbekenntnis und seinem "allmächtigen Vater" angefangen. Auch nach 5 Jahren kenne ich keine Kirchengemeinde, in der ich mich auch nur annähernd zugehörig fühle. Warum also bin ich in der Kirche?

Es könnte etwas mit meiner ausgeprägten Starrköpfigkeit zu tun haben. Neben aller patriarchalen Verseuchung und mittelalterlichen Beschränktheit des Christentums trägt diese Religion ein unerschöpfliches Potential an befreiender Wahrheit in sich. Ich denke gar nicht daran, solche Schätze kampflos den Fundamentalisten und gedankenlosen Nachbeterinnen zu überlassen. Und ich möchte mich auch nicht damit zufrieden geben, für mich allein oder in kleinen Zirkeln eine Art Privatreligion zu pflegen. Was ich will ist eine neue Reformation und ich halte eine solche grundlegende Veränderung und Erneuerung der Kirche – jedenfalls der Evangelischen – für möglich. Einige wenige Male habe ich schon erlebt, wie diese neue andere Kirche aussehen, klingen und sich anfühlen wird. Das hat zwar nicht gereicht, um mich in der Kirche wirklich heimisch zu fühlen, aber es reicht, um weiter in ihr zu arbeiten. Vielleicht werden sich ja manche Kirchenobere noch wünschen, ich wäre nie eingetreten.

© C. Moosbach Mai 2000


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