Carola Moosbach

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Krankheit als Krankheit

Es begann damit, daß ich plötzlich Sehstörungen hatte. Zwei Tage später sah ich auf dem rechten Auge praktisch nichts mehr. Mein Gang zur Augenärztin endete mit einer Einweisung ins Krankenhaus. Zwischen Gehirntumor und völliger Erblindung schien zu diesem Zeitpunkt alles möglich. Nach 2 Tagen umfangreicher Untersuchungen wurde mir mitgeteilt, daß es sich um eine Entzündung des Sehnervs handele, die nur mit hoch dosierten Kortisoninfusionen behandelt werden könne. Die Behandlung wurde durchgeführt, 14 Tage später wurde ich als (vorläufig?) geheilt aus dem Krankenhaus entlassen.

Die äußerste Lapidarität, mit der ich diese Vorgänge schildere, mag ein Hinweis sein auf die Tiefe und Intensität meines Erlebens. Selbst ich als professionelle Be-Schreiberin zögere, das ganze Ausmaß meiner Angst, meines Erschreckens in Worte zu fassen. Da haben Abgründe sich aufgetan - in vielerlei Hinsicht. Dabei war ich doch vorgewarnt: Wer als Kind vergewaltigt wurde, neigt im allgemeinen nicht zu der Illusion, daß es im Leben gerecht zugehe und Gott "das Schlimmste" schon zu verhindern wisse. Eine wie ich weiß nur zu gut, daß jederzeit alles passieren kann und daß es keinen Schutz davor gibt. Auch war ich mir darüber im klaren, daß meine Traumatisierung sich im Falle eines Krankenhausaufenthalts als höchst hinderlich erweisen würde. Der weitgehende Verlust an Intimsphäre, die ausgelieferte Situation bei vielen Untersuchungen – das allein reichte schon aus, um mich an die Grenze des Erträglichen und darüber hinaus zu bringen. Womit ich nicht gerechnet hatte war das Ausmaß meiner Angst. Die Vorstellung, womöglich völlig zu erblinden und dadurch für den Rest meines Lebens den inneren Schreckensbildern meiner Kindheit ausgeliefert zu sein, hat mich in kaum noch kontrollierbare Panik versetzt. Womit ich ebenfalls nicht gerechnet hatte, war meine völlige Unfähigkeit zum Gebet. Wenn ich es versuchte, kamen "nur" Tränen, aber keine Worte. "Wir wissen nicht, was wir beten sollen... der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichem Seufzen" heißt es im Römerbrief. Ein schöner Satz, aber so war es nicht. Ich wußte nicht nur nicht, was ich beten sollte, ich wußte auch nicht, wohin ich mich wenden könnte. "Gott" war ein fernes, fremdes Wort, daß sich – diesmal - als nicht tragfähig erwies. Was gehalten hat war das Netz meiner Freundinnen und Freunde. Eine sagte mir, daß Gott manchmal eben nicht "direkt", sondern "nur" durch andere Menschen spürbar und vermittelbar sei. Eine andere schrieb mir, daß sie und andere "inzwischen für mich glauben" würden, solange ich es selbst nicht könne. Eine Krankenhausärztin fand sich, die sich auf meine Not einließ und einige der für mich schlimmsten Begleitumstände abmildern konnte.

Es bleibt zu reden von dem, was mir erspart blieb. Ich meine die esoterische Klugscheißerei und mitleidlose Besserwisserei, der viele Kranke heutzutage ausgesetzt sind. Krankheit als "Strafe Gottes", das traut sich inzwischen kaum noch jemand zu sagen. Heute heißt das: Krankheit als Weg, als Chance, als Ergebnis schlechten Karmas oder negativen Denkens...

Die Liste ließe sich fortführen. Ich nehme an, daß sich hinter solchen Sätzen Angst verbirgt und ein großes Bedürfnis nach Kontrolle. Die Wahrheit aber ist: Auch wer alles "richtig" macht, was immer das heißen mag, auch wer weder raucht noch trinkt, auch wer täglich meditiert oder betet, auch die, auch der kann schwer oder gar unheilbar krank werden, mit dem Zug oder Flugzeug verunglücken und vieles mehr. Niemand weiß, warum das so ist. Das Leben ist unendlich verletzlich und unendlich kostbar, Abgründe können sich auftun in jedem Moment. Dann wieder unaussprechliches Glück oder tiefer Friede. Antworten auf Fragen wie: "Warum ich?", Erklärungen für Fragen wie: "Warum überhaupt?" gibt es nicht. Was es gibt ist Mitgefühl und Trost, Hoffnung und ein großes Versprechen, dem ich nicht immer glauben kann. Mehr läßt sich nicht sagen.

© C. Moosbach April 2000


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