Carola Moosbach

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Mein erster Krieg
Ein Erfahrungsbericht

Am Anfang wollte ich es einfach nicht wahrhaben. Ich hatte gerade mit den Vorarbeiten für mein nächstes Buch angefangen, meine Gedanken kreisten um Kapiteleinteilung, Materialsammlung etc.; für einen Krieg war da kein Platz. Schon nach wenigen Tagen war es genau umgekehrt. Die grauenhaften Bilder von Vertreibungen und Bombardierungen setzten sich in mir fest, die Sprache der Medien, die zusehends verrohte und gleichzeitig die Brutalität des Krieges vernebelte, fraß sich in mein Hirn, ich brach in Tränen aus beim Anblick völlig verzweifelter Flüchtlinge, mir wurde übel vom schimmernden Glanz der elegant kreisenden Todesbomber. Ich begriff, daß die allseits - kostenlos und unverbindlich - gepflegte Betroffenheit, innere Zerrissenheit und ähnliche Luxusbefindlichkeiten von uns real eben (noch?) nicht Betroffenen zu wenig ist. Ich begriff, daß Deutschland einen Krieg führt und ich mich entscheiden muß: Dafür oder dagegen.

Inzwischen hat dieser Krieg meinen Alltag sehr stark verändert. Mit NATO-Strategiepapieren, Kollateralschäden, abgereichertem Uran und ähnlichen Wortungeheuern kenne ich mich nun bestens aus, ich schreibe Anti-Kriegstexte (die "Zeitansage" stand am 16.04. als Leserinbrief in der "taz") und die Nachmittage verbringe ich meistens bei einer Mahnwache vor dem Kölner Dom. Dort verteile ich Flugblätter, sammele Unterschriften und spreche mit Menschen, die nicht immer freundlich sind, eher im Gegenteil. Nicht nur in Serbien, auch bei uns gibt es eine aufgeheizte Kriegspropaganda, die es schwer macht, eine sachliche Diskussion zu führen. Wer gegen die NATO-Bomben eintritt, ist für die Vertreibungen und Morde im Kosovo - so will es die scheinbar zwingende Kriegslogik, der ich mich nicht unterwerfen will.

Vorläufiger Höhepunkt meiner "politischen Karriere" war eine Friedenskundgebung auf der Domplatte, bei der ich meine "Zeitansage" vor mehreren hundert Menschen gesprochen habe. Nicht gerade vertraute Tätigkeiten für eine seit Jahren eher zurückgezogen lebende Dichterin.

Immer wieder in diesen Kriegstagen, beim Zeitung lesen und Nachrichten gucken, beim Rad fahren und einkaufen, immer wieder gellt mir Gottes Schreien, Weinen oder - noch schlimmer - Schweigen in den Ohren. Ich habe auch in Zukunft nicht vor, mich taub zu stellen.

© C. Moosbach Mai 1999


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