Carola Moosbach

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Kriegsnachlese

Der Krieg auf dem Balkan ist zu Ende. Die NATO hat gewonnen, und wir können aufatmen. Statt elender Flüchtlings- ströme sehen wir nun ordentliche Militärkonvois und jubelnde Menschen in den Nachrichten. Die ersten Massengräber werden gefunden und als nachträglicher Beleg für die Notwendigkeit der Bombardierungen angeführt. Die anderen waren wirklich die Bösen, also waren wir auch wirklich die Guten. Außenminister Fischer ist nach Meinungsumfragen der zur Zeit beliebteste Politiker in Deutschland.

Angesichts dieser Nachrichtenlage beobachte ich an mir einen unbezähmbaren Hang zum Sarkasmus, der sich vor allem in einem Bündel ungehöriger Fragen äußert. Zum Beispiel so: Was machen wir mit der Bergpredigt? Ist sie ein Fall für den Altpapiercontainer? Und der Pazifismus? Eine verstaubte Idee für triefäugige Unschuldslämmer, die sich die Hände nicht schmutzig machen wollen? Muß auf dem nächsten Kirchentag bereits mit einer öffentlichen Segnung von Waffen gerechnet werden, oder bleibt es vorläufig noch bei dem betretenen Schweigen der letzten Monate? Antworten habe ich keine, nur ein paar Gegenfragen: Ist die Vertreibung, Vergewaltigung und Ermordung von serbischen Menschen durch die UCK weniger schlimm als die von Albaner/Innen durch das serbische Militär? Wird die NATO demnächst womöglich Albanien bombardieren, um den Abzug der UCK aus dem Kosovo und die sichere Rückkehr der serbischen Flüchtlinge zu erzwingen? Wird sie sich anschließend der gewaltsamen Befreiung des kurdischen, tibetischen und aller weiteren unterdrückten Völker annehmen? Wird am NATO-Wesen die Welt genesen?

Übrigens: Vergangenen Monat habe ich anläßlich des Weltwirtschaftsgipfels hier in Köln an einer Menschenkette teilgenommen, mit der ein Schuldenerlaß für die ärmsten Länder der Welt gefordert wurde, der durch sogenannte Gegenwertfonds und umfassende Kontrollen wirklich den Armen zugute kommen soll. In diesen Ländern sterben jährlich viele Millionen Menschen an Unterernährung, Tendenz steigend. Ein unvorstellbarer Leichenberg, der den Menschenrechtskämpfern der NATO bisher glatt entgangen sein muß. Sie müßten nur einen Tarnkappenbomber weniger anschaffen, um einen solchen umfassenden Schuldenerlaß zu finanzieren.

© C. Moosbach Juli 1999


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