Carola Moosbach

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Ringelpiez mit Anfassen
Frauengottesdienste (Teil 2)

Als mir vor Jahren eine Freundin zum ersten Mal von einem Frauengottesdienst erzählte, den sie besucht hatte, reichte diese Schilderung aus, um mich für lange Zeit von derartigen Veranstaltungen fern zu halten. Sie berichtete, es sei dort um "Menstruation und Mondphasen" gegangen, Tänze und Phantasiereisen hätten im Vordergrund gestanden und sie selbst habe sich dem unterschwelligen Gruppendruck zu körperlicher Nähe und intimem Erfahrungsaustausch kaum entziehen können.

Die sexistische Tradition, die Geist, Vernunft und Sprache als männlich definiert, während Körperlichkeit, Gefühl und Sinn für "das Schöne" als weiblich gelten, findet sich in so manchem Frauengottesdienst nicht nur in der Auswahl der Themen, sondern auch in einer unreflektierten Nähe und aufgezwungener "Kuscheligkeit" wieder. Harmonisch, sinnlich, ästhetisch - weiblich eben.

Ich selber fühle mich Menschen nicht schon deshalb nah, weil sie Frauen sind, flatternde Tücher und wallende Gewänder gehen mir auf die Nerven, und ich möchte in einem Gottesdienst weder tanzen noch angefaßt werden. Mein Zuhause ist "das Wort", politische Themen sind mir wichtig (und nicht nur das Persönliche ist politisch), und ich lege auch in einem Gottesdienst Wert darauf, die für mich stimmige Distanz wahren zu können, ohne mich ausgeschlossen zu fühlen.

Mir ist dabei bewußt, daß gerade die sinnlichen und "ganzheitlichen" Elemente der Frauengottesdienste von vielen Teilnehmerinnen besonders geschätzt werden. Ich weiß aber auch von Frauen, denen es dort ähnlich ergeht wie mir. Um diesen unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden, müssen wir in unseren Gottesdiensten Wege finden, Nähe und körperlichen Ausdruck zu ermöglichen und gleichzeitig eine distanziertere Form der Teilnahme anzubieten. Es wäre schon einiges gewonnen, wenn jeder Tanz, jedes An-Händen-oder-Schulter-Fassen ausdrücklich als Angebot und nicht als Aufforderung formuliert und gleichzeitig auf die Möglichkeit eines "stillen" Dabeiseins, Sehens und Hörens hingewiesen würde.

© C. Moosbach März 1999


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