Carola Moosbach

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Deutscher Sonntag
Abschied und Neubeginn

Als Kind habe ich den Sonntag immer besonders gehasst. Es war der Tag der weißen Kniestrümpfe und des Familienkrachs, der Langeweile und des erzwungenen Kirchgangs. Auch später hatte dieser Tag für mich keinerlei positive Bedeutung, wenn man von der Möglichkeit des ungestörten Ausschlafens einmal absieht. Bis heute stehe ich dem Sonntag mit eher zwiespältigen Gefühlen gegenüber. Wer selbst ohne Familie bzw. Partner/In lebt, wird wissen, wovon ich spreche. Paradoxerweise beginne ich den Wert eines "besonderen" Wochentages aber um so stärker zu schätzen, je mehr der Sonntag in den alltäglichen Arbeits- und Konsumkreislauf eingeebnet wird; eine Tendenz, die während der letzten Wochen in der gesetzwidrigen Sonntagsöffnung durch große Kaufhäuser in Berlin und Ostdeutschland besonders deutlich wurde. Im Gleichmaß der Alltage scheint es mir zunehmend wichtiger, einen regelmäßig wiederkehrenden Punkt zu setzen und diesen Einschnitt bewußt zu erleben und zu gestalten. Dabei kann ich allerdings auf wenig Vertrautes zurückgreifen. Das sonntägliche Familienkaffeetrinken ist für mich ebenso wenig attraktiv, wie der Besuch eines "normalen" Gemeindegottesdienstes. Noch weniger allerdings käme es mir in den Sinn, mich in "Einkaufsparadiese" und "Konsumtempel" zu flüchten. Das Besondere dieses Tages will neu gefunden, gestaltet - und manchmal auch ausgehalten sein.
Zu meinem Sonntag gehört auf jeden Fall eine Bachkantate, alles weitere muß sich finden. Manchmal treffe ich mich mit einer Freundin, manchmal lese ich den ganzen Tag, manchmal langweile ich mich fürchterlich. Ab und zu entstehen aus dieser Langeweile neue Ideen und Einsichten. Die Leere des Tages schafft Raum für ungelöste Fragen und vergessene Antworten, für die tieferen Schichten meines Lebens, für Gott.
Ich träume von einem Sonntag, dessen Sinn und Schönheit jenseits von Zweck und Verwertbarkeit liegt, der nichts einbringen oder bewirken muß und doch so unabdingbar zum Leben gehört wie ein Gedicht oder eine Symphonie.

© C. Moosbach September 1999


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