Carola Moosbach

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"Trotz allem!"
Ein besonderer Gottesdienst in der Passionszeit

Am 27. März 1999 fand in Köln ein "Hoffnungs- und Stärkungsgottesdienst für sexuell mißbrauchte Frauen und ihre Verbündeten" statt. Ich habe diesen Gottesdienst mit vorbereitet und gestaltet, bin dabei an die Grenzen meiner Belastbarkeit gestoßen und doch zutiefst bewegt und gestärkt daraus hervorgegangen.

Es war nicht der erste Frauengottesdienst, bei dem ich mitgewirkt habe, es war auch nicht das erste Mal, daß dabei von mir verfaßte Gebete gesprochen und gesungen wurden (eine Erfahrung ganz eigener Art) - und doch war es anders als sonst. Hier waren die Frauen versammelt, für die ich vor allem schreibe, hier waren diejenigen meiner Gedichte zu hören, deren ungeheure Wucht ich selber kaum ertragen kann, hier habe ich meine Klagen und Anklagen, meine Wut und meine Kraft geteilt mit anderen Überlebenden. Es gab Momente an diesem Abend, die so durchtränkt waren mit Schmerz, daß ich am liebsten davongelaufen wäre (für eine Zigarettenlänge habe ich genau das getan), dann wieder habe ich mich sehr entspannt gefühlt, getröstet und geborgen in Gottes stärkender Gegenwart, die für mich während des gesamten Gottesdienstes in beeindruckender, fast verstörender Intensität spürbar war.

Es kann unendlich befreiend sein, die Wahrheit auszusprechen. Die Wahrheit über das, was uns angetan wurde, die Wahrheit über die tiefen Wunden, die wir davongetragen haben, die Wahrheit über unsere Sehnsucht nach Heilung, nach gelingendem Leben. Wenn diese Wahrheit sich verbündet weiß mit Gottes Liebe und Lebensmacht, wenn alles, was wir waren und sind, was wir fühlen und denken, vor Gott gebracht werden kann, ohne Angst und ohne Scham, dann wird etwas erfahrbar von dieser absurden und doch zutiefst christlichen "Hoffnung wider alle Hoffnung", von dem großen "Trotz allem", das wir Gott nennen.

© C. Moosbach April 1999


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