Carola Moosbach

Bereitet die Wege

Rezensionen


Vielleicht ist es kein Zufall, dass Carola Moosbach den Kantaten Johann Sebastian Bachs eine große Bedeutung zumisst. Die Trauma-Spezialistin Luise Reddemann erwähnt immer wieder, wie hilfreich, ja entlastend, für sie das Hören Bachscher Musik, gerade auch seiner Kantaten, ist.

Von Carola Moosbach sind die beiden Gebetssammlungen „Gottflamme Du Schöne“ und „Lobet die Eine“ erschienen. Hintergrund ist ihre Auseinandersetzung mit dem Trauma des sexuellen Missbrauchs durch ihren Vater, das Ringen „um Erlösung von diesem Vater“ (Dorothee Sölle) und von einem den Menschen demütigenden und verletzenden Gottesbild.

Nun hat C. Moosbach zu jeder Kantate Bachs, auch zu den Kantaten des Weihnachtsoratoriums, ein Gedicht geschrieben. Dazu hat sie sich nicht nur von der Musik, sondern ebenso von dem Text der Kantate anregen lassen. Im Vorwort schreibt sie, wie schwierig und teilweise kitschig die Kantatentexte oft anmuten. Aber über die Musik hat sie einen Zugang gewonnen. Sie versteht die tiefe Erschütterung der Bachschen Zeitgenossen durch die „Nachbeben des Dreißigjährigen Krieges“, durch Seuchen und Kindersterblichkeit. Sie kann etwas mit der Sinnlichkeit der Bachzeit anfangen. Carola Moosbach lässt sich auf die Dichte und dieses grundlegende Im-Leben-stehen der Texte ein – im Hören der Kantaten lebt sie fünf Jahre lang fast täglich auch mit den zahlreichen biblischen Bezügen, die darin enthalten sind.

Und worum geht es ihr im eigenen Schreiben? „Meine Absicht ist ..., einen Widerhall zu Bachs Kantaten zu formulieren, eine zusätzliche Stimme, die mal harmonisch mitschwingt, mal als Variation, mal als freie Phantasie daherkommt, mal aber auch als deutlich vernehmbarer Kontrapunkt zur Gegenstimme wird.“ Damit hilft sie uns, die Bachschen Kantaten stärker in unserer Gegenwart zu hören, sie keinesfalls als Fluchtmittel in eine fromme Bürgerlichkeit zu missbrauchen. Aber auch ohne Kenntnis der Kantaten lassen sich diese Texte gut als Gedichte oder Gebete lesen.

Christiane Elle
innovative
Zeitschrift des Frauenwerkes der Nordkirche
Nr. 27, Juli - Dezember 2013



 

Von Bachscher Musik inspiriert
Von Hanna Strack

Viele lieben die Kantaten Johann Sebastian Bachs – und tun sich schwer mit deren Texten. So ging es auch Carola Moosbach.

Auf lange Sicht
wird Gott sich größer zeigen
als die engen Worte
heller als alle Dunkelheiten
wird Gott mich leiten
ohne Zwang
mit allen Zweifeln
kann ich reifen
durch die Brüche hindurch
wird Gott sich in mir verzweigen
(21. Sonntag nach Trinitatis. Ich habe meine Zuversicht, BWV 188)

Das ist nicht der Text einer Bachkantate, das ist die Antwort darauf. Geschrieben hat sie Carola Moosbach in ihren poetischen Kommentaren zu Bachs geistlichen Kantaten. Die Dichterin hatte Jahre lang fast täglich eine Bachkantate angehört, hat an der Musik große Freude erlebt, doch die Texte des Barock wurden ihr mit Passagen wie zum Beispiel Da bläst eine schale Luft den stolzen Leib auf einmal in die Gruft (BWV 94) nie vertraut, andere Lieder schienen ihr schwülstig in ihrer erotischen Sprache. Doch Carola Moosbach wollte sich bei dem Genuss der Musik auch die religiöse Tiefe der Texte erschließen und schreibt in ihrem Vorwort. „Diese antwortende Stimme wird vielleicht und hoffentlich den Text der ein oder anderen Kantate erhellen, sie will manche in ihm verborgene Tiefe ausloten, aber auch den Abstand vermessen, der uns von diesen Werken trennt.“ So entstand als Widerhall auf die Bachkantaten ein Buch mit fast 200 Gebeten, die mehr sind als poetische Kommentare. Sie können auch einzeln für sich gelesen oder gebetet werden. Drei Register helfen dabei, die Zuordnung zu den Feiertagen schnell zu finden.

Carola Moosbach wurde bekannt mit ihrem Aufsehen erregenden Büchlein „Gottflamme Du Schöne“ (Güterlsoh 1997), in dem sie aus den Verletzungen ihrer Kindheit heraus eine neue Sprache des Glaubens erarbeitete. Dafür erhielt sie beim Katholikentag 2000 den Preis des FrauenKirchenKalenders für Gottespoetinnen. Dorothee Sölle hielt die Laudatio. Sie sagte am Schluss: „Es gibt immer wieder mystische Elemente in den Texten von Carola Moosbach. Vielen ihrer Texte gelingt es, ein ganz besonderes, mystisches Schweigen herzustellen. Und das ist das größte Lob, das man über Poesie überhaupt sagen kann.“

Die Autorin hat die Erkenntnisse der Feministischen Theologie in ihr künstlerisches Schaffen integriert und berücksichtigt, dass die ursprünglichen Kantaten-Texte Frauen unsichtbar machen und ihre spezifische Situation ausblenden. Dem patriarchalen Gottesbild der Kantaten erteilt sie eine Absage und hat an deren Stelle heilsame, befreiende, ins Weite gehende Metaphern gesetzt:

Bildwechsel

Throne stürzen
Völker befreien sich
Frauen reden mit
Es wechseln die Zeiten

Die Sprache grau
die Bilder schief
vor leeren Bänken
Kein König nirgends

Zögerndes Graben
nach frischem Wasser
aus tiefem Brunnen
ins Wort gewagt

Dein klingendes Schweigen
Dein ruhendes Kreisen
die silbernen Fäden zwischen uns
(Gott ist mein König, BWV 71)

Carola Moosbachs Sprechen von Gott ist Ausdruck ihrer Erfahrung, nicht einer Lehrmeinung. Es gibt nicht „Gottes Wille“ oder „Der Herr hat es so gewollt.“ Ihr Reden von Gott ist ein Redliches in der Zeit nach dem Holocaust, durch den alle Gottesbilder zerbrachen. Es sind Texte für alle Achtsamen und Behutsamen, für Menschen der Stille und für solche, die um die Dunkelheit wissen.

…Zurück ins Leben wurd’ ich gezogen
durch alle Verzweiflungen hindurch
singt mir das Glück an manchen Tagen
Was Gott tut das ist wohlgetan
(15. Sonntag nach Trinitatis. Was Gott tut, das ist wohlgetan, BWV 99)

Dies erinnert auch an die wunderbaren Nachdichtungen für alte Gesangbuchlieder, die in Carola Moosbachs frühen Büchern zu finden sind.

Als Folge des Büchleins gibt es ein bereits angelaufenes Vertonungsprojekt, um die poetischen Kommentare mit der Musik von heute zu Gehör zu bringen – immer in Korrespondenz zu den ursprünglichen Bach-Kantaten. Einige solcher Aufführungen gab es bereits in Dresden, eine weitere wird 2013 im Mai vom Thomanerchor in Leipzig gesungen. Alle, die sich dafür interessieren, finden im Nachwort von Matthias Drude, der die Idee zu diesem Projekt hatte, und auf der website der Autorin weitere Informationen.

(www.bzw-weiterdenken.de/2012/11/von-bachscher-musik-inspiriert/)

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